

Schnarrend fliegt der Bandurria
Die Natur im südlichen Chile erlebt man vom Pferderücken aus auf besondere Art
Von Roland Knauer 23.06.2002
Gelangweilt beobachtet der gelblich-grüne Papagei mit rotem Schwanz die Menagerie hinter dem Zaun, auf dem er gerade sitzt: Enten zischen ihren Küken Warnrufe zu, Hühner gackern, Hunde bellen, ein neugeborenes Lamm wackelt seiner Mutter hinterher. Ferkel schauen neugierig durch den Bretterzaun, während ihre Eltern den Boden auf der Suche nach fressbaren Knollen durchwühlen. Wenig Neues also im Hof des Lehrers von Llanada Grande im Tal des Rio Puelo im südlichen Chile.
Da schaut man sich lieber mal beim Nachbarn um, der hat nämlich vor einer Stunde die beiden Zugochsen angeschirrt. Vorbei an zwei mächtigen Massivholzrädern, die gerade fertig geworden sind, fliegt der Papagei über Zäune aus gigantischen Urwaldstämmen. Gleich vor dem hohen Wasserfall, der über Granitfelsen auf die Ebene von Llanada Grande herunter donnert, pflügt die Nachbarsfamilie tatsächlich ihr steiniges Feld. Die Frau läuft voraus und lenkt die beiden Zugochsen. Gebückt drückt ihr Mann den Stahl des Pfluges tief in die schwere Erde.
Irgendwo zwischen steinzeitlichem Ackerbau und dem 19. Jahrhundert scheint die Zeit in Llanada Grande stehen geblieben. Wenn da nicht plötzlich das kleine weiße Flugzeug von Dornier knapp über den Wipfeln der Südbuchen einschwebte und auf der holprigen Graspiste landete. Ein ehemaliger Pilot der chilenischen Luftwaffe bessert seine karge Pension auf, wenn er alle paar Tage Post und Kleingüter in die Abgeschiedenheit des Rio Puelo fliegt und den einen oder anderen Passagier wieder mit zurück in die Zivilisation nimmt. Den drei Touristen aus Europa, die neugierig das Ochsengespann beim Pflügen beobachten, steht der Sinn aber noch nicht nach Zivilisation, die sie erst gestern verlassen haben.
Zwei Stunden sind sie mit dem Motorboot über die grünen Wasser und die schäumenden Stromschnellen des mächtigen Rio Puelo gefahren. Drei Huasos hatten mit einigen Pferden schon am Ufer auf sie gewartet. Huasos, das sind die Cowboys in Chile, die anscheinend bereits auf dem Rücken eines dieser geduldigen, gedrungenen Pferde des südamerikanischen Landes geboren werden. Begleitet von den Huasos und zwei Packpferden reiten die Touristen dann den steilen Uferhang hinauf nach Llanada Grande.
Meterdicke Urwaldstämme
Der Lehrer hat die Zimmer seiner Kinder geräumt, mit jeweils einer Petroleumlampe ausstaffiert und als Gästezimmer deklariert. Wie Steine haben die Touristen unter dicken Federbetten in der eisigen Nacht des chilenischen Spätfrühlings geschlafen.
Nachdem am nächsten Morgen das Landleben von Llanada Grande erkundet wurde, haben die Huasos die Pferde schon für die nächste Etappe fertig gemacht. Chilenische Pferde sind mit einer unendlichen Portion Geduld und extremer Trittsicherheit auf den schlammigen Reitwegen ausgestattet. Zügel locker lassen – und das Pferd findet seinen Weg selbst.
Deutlich schlängelt sich die Reitspur über saftiggrüne Weiden unter schneebedeckten Felsgipfeln. Zäune aus grob behauenen Brettern, manchmal gar aus meterdicken Urwald-Stämmen grenzen die Nachbarweide ab. Ein kleines mit graubraunen Holzschindeln verkleidetes Haus mit vielleicht sechs mal fünf Metern Grundfläche ist das Heim einer acht- oder zehnköpfigen Farmerfamilie. Holzrauch quillt aus dem aus Stein gemauerten Kamin. Dieser zwar stechende, aber doch irgendwie wieder angenehme Geruch ist neben einer hohen Pappelreihe der deutlichste Hinweis auf die nächste Estancia. Ein kleiner Gemüsegarten versorgt die Familie mit frischem Gemüse. Apfel- und Kirschbäume liefern rings um das Haus vitaminreiche Früchte. Im Herbst, also im März oder April, werden von einem anderen kleinen Feld die Kartoffeln geerntet. Getreide bauen die Huasos ebenfalls an. Die Tiere liefern die restlichen Zutaten für die täglichen Mahlzeiten.
Statt Straßen durchziehen Reitwege das weite Tal des Rio Puelo. Nach einer halben Stunde Ritt kündigt meist eine hellgrüne, hohe Pappel-Reihe die nächste Estancia an, deren Besitzer immer Zeit für eine kleine Unterhaltung hat. So oft kommen hier schließlich keine Besucher durch. Schnarrend fliegt ein Bandurria mit langem, gebogenen Schnabel und orangeroten Beinen von der Wiese auf, flattert mit weißem Körper und schwarzen Flügeln vorbei. Vermutlich haben die Pferde die Ibis-Vögel bei der Suche nach Fröschen gestört.
Übernachtet wird an diesem Abend im Zelt. Aber gleich daneben steht ein Holzhaus mit Toilette und heißer Dusche. Und am Feuer brutzelt bereits das Asado, ein ganzes Lamm also, das zwei Stunden später nur noch aus einem Haufen Knochen besteht.
Der nächste Tag sieht die Touristen wieder einmal am Rio Puelo, der hier durch eine enge Granitschlucht strömt. Lange genießen die Reisenden das Panorama allerdings nicht, Regen zieht auf. Also rauf zum Lago Las Rocas, mit dem Aluminiumboot rüber auf die Insel Las Bandurrias. Dort wartet eine warme und trockene Lodge auf die Reisenden. Françoise Dutheil, die Mutter von Cathi, lebt mutterseelenallein mit einer Helferin auf dieser vier Hektar großen Insel mitten im stahlblauen See unter weißen Schneegipfeln und waldigen Hängen.
Die 68-Jährige genießt das Leben in der Einsamkeit. Nur drei Nachbarn hat Françoise. Sie leben auf Estancias an den Ufern des Lago Las Rocas, dessen Arme sich wohl jeweils fünf Kilometer von der Isla Las Bandurrias aus in drei verschiedene Himmelsrichtungen erstrecken. Diesen See gilt es am nächsten Tag für die Touristen zu erkunden. Gleich am Ufer eine kleine Estancia mit einem hübschen Rosengarten davor. Der zerfallende Zaun und die verwilderten Rosen sprechen eine deutliche Sprache. Die Farmer haben das Leben in der Stadt der Existenz in der wunderschönen Einsamkeit am Lago Las Rocas vorgezogen. Ihr kleines, von einer Wassermühle getriebenes Sägewerk rottet vor sich hin, der Ochsenkarren mit seinen mächtigen Massivholzrädern zerfällt im Gras.
Der Weg führt weiter an flechtenüberwucherten Zäunen vorbei zu den sauberen Weiden einer deutschen Familie, die schon vor Jahrzehnten vor der Umweltverschmutzung Mitteleuropas in die Einsamkeit des Rio Puelo geflohen ist. Dahinter ein kleines Stückchen des Valdivia-Regenwaldes, der vor Ankunft der Weißen das gesamte Land im Süden Chiles bedeckt hat.
Flechten wuchern über das leuchtende Rot einer Arrayanes genannten Baumart, die nur hier im Süden von Chile und Argentinien vorkommt. Drei Meter hohe Fuchsien blühen tiefrot. Gelbe Blüten erinnern nicht nur an Schuhe, sondern heißen auch „Schuhe der Jungfrau“. Ein Bach gurgelt über flechtenbehangene Steine im Halbdämmerlicht talwärts. Mächtige Baumriesen recken ihre Äste dem Licht entgegen. Hellgelbe essbare und nach nichts als Wasser schmeckende Hongos genannte Pilze quellen aus einem Baumstamm. Urwaldriesen vermodern unter mächtigen Schichten dunkelgrünen Mooses. Ein Patagonien-Schwarzspecht hämmert in eine Südbuche. Manchmal verschwindet das Rot mannsdicker Arrayanes-Stämme völlig unter dem grünen Mooskleid. Wassertropfen funkeln in Flechtenbärten, die von dunklen Ästen hängen.
Puma-Spuren im Schlamm
Tief zeichnet sich im Schlamm des Reitweges der Abdruck einer Pumapfote ab. Erst gestern stand Miguels Frau der Raubkatze gegenüber, als sie um Mitternacht noch einmal nach den Tieren auf der Estancia schauen wollte, die so seltsam unruhig waren. Normalerweise aber lässt sich der Puma nicht sehen. Der Weg senkt sich zum Lago Azul, der sich heute allerdings bleigrau unter dichten Schneewolken im Spätfrühling der Südhalbkugel duckt. Knorrige, längst von der Sonne ausgebleichte Wurzelstöcke liegen vor waldigen Schneebergen am Kiesstrand und warten auf einen Sonnenstrahl, der sie für die Linse des Fotografen verzaubert. Schafe und ihr Hütehund beobachten die Touristen neugierig, die Farmer lassen sich hier allerdings nicht sehen.
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